Foto: Doris Urner
Text: Doris Urner
Ein Lauf, der mehr war als ein Marathon
Der Rennsteiglauf ist für viele ein sportliches Highlight. Für mich ist er viel mehr: ein Ort der Erinnerung, der Verbundenheit, der inneren Kämpfe – und der Liebe, die bleibt, auch wenn ein Mensch nicht mehr an meiner Seite laufen kann.
Dieses Jahr, am 8. Mai 2026, machte ich mich mit zwei Lauf- und Lebensfreunden auf den Weg nach Thüringen. Erst nach Eisenach, dann weiter nach Neuhaus am Rennweg. Alles fühlte sich vertraut an: Startunterlagen abholen, die Kloßparty, ein kleiner Spaziergang zum Ankommen. Auch das Wiedersehen mit unserem langjährigen Vermieter war warm und herzlich. Und doch war alles anders.
Der Morgen des Laufs – und ein Kopf, der nicht bei mir war
Am Samstag, dem 9. Mai, fiel um 9 Uhr der Startschuss. 7 Grad, Nebel, später Sonne – eigentlich perfekte Bedingungen für mein Ziel: unter fünf Stunden.
Doch schon auf den ersten Kilometern spürte ich, dass es mental nicht mein Tag war. Mein Körper fühlte sich kraftlos an, mein Kopf war weit weg, irgendwo zwischen Erinnerungen, Sehnsucht und dem, was fehlt. Noch vor dem dritten Verpflegungspunkt am Masserberg, bei Kilometer 18, musste ich viel gehen. Als ich die Halbmarathonmarke nach 2:33 Stunden passierte, verabschiedete ich mich innerlich von der 5‑Stunden-Marke.
Zäh, schwer – und dann dieser Moment
Bis Dreiherrenstein bei Kilometer 33 war es ein Kampf. Ich war nicht allein – viele gingen, viele kämpften. Und doch war ich in meinem eigenen inneren Raum, in dem Schmerz und Wille miteinander rangen.
Und dann war da plötzlich dieses Gefühl. Diese Stimme. Diese Verbundenheit.
„Doris… lauf… du schaffst das.“
Es war, als würde Manu neben mir gehen. Nicht sichtbar, aber spürbar. Nicht laut, aber eindeutig. Und ich lief wieder.
Mit jedem Schritt kam ein kleines bisschen Energie zurück. Und plötzlich begann mein Kopf zu rechnen: Es wird knapp. Sehr knapp. Aber es ist möglich.
Die letzten Minuten – und ein Ziel, das mehr bedeutet als eine Zeit
Wer den letzten Anstieg zum Ziel kennt, weiß, wie brutal er sein kann. Mir blieben neun Minuten. Gehen war keine Option mehr.
Ich lief. Ich kämpfte. Ich hörte auf mein Herz, nicht auf meine Beine.
Nach 4:57:21 überquerte ich die Ziellinie. Überglücklich. Erschöpft. Und erfüllt von tiefer Dankbarkeit.
Ich wusste, wer mich getragen hat.
Liebe endet nicht mit dem Tod. Sie verändert nur ihre Form.
Unerwartete Begegnungen – und ein Blick nach vorn
Im Ziel traf ich völlig überraschend Beate und Maik. Ein paar schöne gemeinsame Momente, ein warmes Wiedersehen – nur ein Foto haben wir vergessen. Vielleicht ist das ein Zeichen dafür, dass es nicht das letzte Treffen war.
Der 54. Rennsteiglauf findet am 22. Mai 2027 statt. Es wird meine 10. Teilnahme sein. Ein Jubiläum. Ein weiterer Schritt auf einem Weg, den ich nicht allein gehe.





